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Der Rathaussturm am Fastnachtssamstag 

In aller Regel künden ab Januar, spätestens ab Februar, in Odenheim die weithin bekannten Faschingsbälle in der Mehrzweckhalle Fastnacht an. Je näher damit die „drei tollen Tage“ rücken, desto mehr fiebern die Narren der OKG der totalen Fastnacht entgegen. Warum wohl? Sie wollen in größtmöglicher Freiheit ungetrübten Frohsinn, Jubel, Trubel, Heiterkeit verbreiten und wenigstens einmal, wenn auch nur für kurze Zeit im Jahr, die Regentschaft über Odenheim und seine fastnachtlich aufgeschlossene Einwohnerschaft übernehmen.

Bis es aber so weit ist und der Ort frei von allzu engen Vorschriften, stringenten Beschlüssen und eingeschränkter Freiheit regiert werden kann, muss erst auf dem Rathaus ein „Regierungswechsel“ vollzogen werden. Warum wohl diese Forderung und letzte Machtprobe?

Nach alten, fastnachtlichen Überlieferungen wird berichtet: „Auf manchen Rathäusern herrscht das Jahr über so viel ‘Narretei’, dass dort hochwohllöblich zumindest für kurze Zeit gebührender Ernst und ruhige Zeiten einkehren mögen“. Die größte Frage, dies zu ändern, aber ist das: Wie? 

Bürgermeister und Ortsvorsteher als Hausherren treten nicht freiwillig zurück und lassen sich nicht durch Bitten und mit Worten entmachten. Und weil man bis heute noch keine andere fruchtende Möglichkeit gefunden hat, bleibt der traditionelle Sturm aufs Rathaus als letztes und immer erfolgreiches Mittel zur Entmachtung der „Rathausfürsten“.

Elferräte, Mini-, Junioren- und Präsidentengarde, OKG-Frauen, meist in farbenprächtigen Uniformen und begleitet von viel gut gelaunten, erwartungsvollem Fußvolk, versammeln sich am Fastnachtssamstag, vormittags, um pünktlich um 11.11 Uhr in einem wohlgeordneten Defilier mit viel Dschingderassasa vors Rathaus zu ziehen.

Nach einem donnernden und letzten Schlachtruf, einem dreifach-kräftigen „Ulle Helau“ ist unter viel Beifall des versammelten „Volkssturmes“ zur Attacke geblasen. Schließlich ergeben sich Bürgermeister und Ortsvorsteher ihrem Schicksal. Die Narren stürmen und besetzen gewaltfrei das Rathaus, bejubeln mit einem freundlich kredenzten Siegeströpfchen die „Machtübernahme“ und legen aus Sicherheitsgründen, absolut gewaltlos und menschenfreundlich, die beiden Entmachteten in Ketten. Diese wiederum zeigen sich nach einem kurzen Krisengipfel einsichtig und proklamieren ihren freiwilligen Verzicht auf drei Tage Macht. Dies fällt nicht allzu schwer, würde das Bürgermeisteramt bzw. die Ortschaftsverwaltung für die nächsten Tage doch eher vom Rathaus in ein „Tollhaus“ umfunktioniert werden.

Bürgermeister und Ortsvorsteher treten, zwar in Ketten gelegt, aber dennoch von einer Last befreit, vor die bunte Menge, zeigen sich ergeben und verständnisvoll und der Fastnacht zugewandt.

Nachdem das Präsidium der OKG seinerseits die nun in Kraft getretenen Paragraphen verkündet hat, beschließt ein unüberhörbares „Ulle Helau“ eine gewaltfreie Attacke.

Der kurz zuvor noch kämpferisch stimulierende Schlachtruf „Ulle Helau“ ist wieder zum alle verbindenden Narrengruß „Ulle Helau“ geworden.

Mit einem kleinen Umtrunk beschließen schließlich „Exil- und Interimsregierung“ den endgültigen Start in die „drei tollen Tage“.

Der Weg ist frei - es gibt nur Sieger! Ulle Helau!

 

 

   
   

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